Übergänge im Leben: Wenn das Alte geht und das Neue noch nicht da ist

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Übergänge im Leben: Wenn das Alte geht und das Neue noch nicht da ist

Es sind nur noch ein paar Tage, dann fahre ich zurück nach Deutschland.

Und obwohl ich mich auf Zuhause freue, merke ich sie schon wieder, diese ganz eigene Abreise-Melancholie, die mich hier in Kroatien fast jedes Jahr irgendwann erwischt.

Die große Hitze ist vorbei. Es ist immer noch warm, wir sitzen draußen, das Meer ist wunderbar und eigentlich könnte man sagen: Der Sommer ist doch noch da.

Und trotzdem hat sich etwas verändert.

Morgens, wenn ich mit Baci spazieren gehe, ist das Licht weicher. Die Sonne steht anders. Abends wird es früher dunkel, und selbst an warmen Tagen liegt manchmal schon etwas in der Luft, das daran erinnert, dass dieser Sommer nicht ewig dauern wird.

Vielleicht berührt mich das in diesem Jahr noch ein bisschen mehr.

Mein Papa ist inzwischen 80. Wir haben auch diesen Sommer wieder viel Zeit miteinander hier verbracht, und natürlich wünsche ich mir, dass wir im nächsten Jahr wieder gemeinsam hier sitzen werden.

Aber ich weiß es nicht.

Niemand weiß es.

Und genau das ist wahrscheinlich der Teil, den wir im Alltag so gerne vergessen. Vieles fühlt sich selbstverständlich an, solange es da ist. Dass wir denselben Menschen wiedersehen. Dass wir dieselben Orte noch einmal besuchen. Dass sich ein Sommer irgendwie an den nächsten anschließt.

Bis uns ein Übergang daran erinnert, dass nichts davon garantiert ist.

Werde ich nächsten Sommer wieder hier sitzen? Wird mein Papa dabei sein? Wie wird mein Leben dann aussehen? Was wird sich verändert haben?

Solche Gedanken machen mich nicht nur dankbar.

Sie machen mich manchmal auch traurig. Unruhig. Vielleicht sogar ein bisschen ängstlich.

Und ich merke, dass ich diese Gefühle gar nicht so schnell wegmachen möchte.

Denn vielleicht gehören sie genau hierhin.

Wir reden oft darüber, im Moment zu leben. Das klingt schön, solange der Moment angenehm ist. Schwieriger wird es, wenn im schönen Moment schon spürbar wird, dass er vorbeigehen wird.

Dann möchten wir manchmal festhalten.

Oder vorspringen.

Wir machen Fotos, planen schon den nächsten Sommer oder beruhigen uns mit dem Gedanken, dass es bestimmt wieder genauso sein wird.

Nur weiß ich das eben nicht.

Und vielleicht ist es ehrlicher, einen Moment bei diesem Nichtwissen zu bleiben.

Das eine geht. Das andere ist noch nicht da.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt es ein Bild für den Jahreslauf, das ich schon lange sehr mag.

Der Sommer gehört zum Feuer. Es ist die Zeit des größten Yang. Alles geht nach außen. Es ist hell, warm, lebendig und üppig. Wir sind länger draußen, treffen Menschen, reisen, erleben, bewegen uns.

Und dann kommt nicht sofort der Herbst.

Dazwischen liegt der Spätsommer, der dem Element Erde zugeordnet wird.

Die Zeit der Ernte.

Vielleicht könnte man auch sagen: die Zeit des Einsammelns.

Ich finde dieses Bild gerade erstaunlich tröstlich, weil es den Übergang nicht überspringt.

Noch nicht loslassen.

Erst einmal schauen, was überhaupt da ist.

Was ist in diesem Sommer gewachsen? Was hat mich genährt? Was möchte ich behalten? Was hat mich überrascht? Was braucht noch ein bisschen Zeit, bis ich überhaupt verstehe, was es mit mir gemacht hat?

Und vielleicht gehört auch dazu, etwas anzuschauen, das nicht nur schön war.

Eine Müdigkeit. Eine Enttäuschung. Eine Frage, die immer wieder aufgetaucht ist. Ein Gedanke, den ich bisher lieber zur Seite geschoben habe.

Erst danach beginnt in der Fünf-Elemente-Lehre die Zeit des Metalls, der Herbst. Sie ist verbunden mit Verdichtung, Klarheit und Loslassen. Auch Trauer wird dieser Jahreszeit zugeordnet.

Ich finde das sehr passend.

Denn Loslassen wird manchmal dargestellt, als wäre es eine Entscheidung.

Du erkennst, dass etwas vorbei ist, verabschiedest dich innerlich, öffnest dich für das Neue und gehst weiter.

Schön wäre es.

Viele Übergänge funktionieren nicht so ordentlich.

Das Alte trägt schon nicht mehr ganz, aber es ist auch noch nicht wirklich vorbei. Das Neue ist noch nicht da. Vielleicht wissen wir nicht einmal, ob wir es überhaupt wollen.

Wir stehen irgendwo dazwischen.

Vielleicht müssen wir nicht immer gleich weiter.

Und dieses Dazwischen kann erstaunlich unbequem sein.

Wer bin ich, wenn etwas Vertrautes wegfällt?

Was kommt danach?

Was, wenn ich noch gar nicht bereit bin, weiterzugehen?

Und was, wenn ich selbst noch überhaupt keine Antwort auf all diese Fragen habe?

Ich glaube, wir haben ein bisschen verlernt, solche Zwischenräume auszuhalten.

Unsere Welt mag Entscheidungen, Ergebnisse und den nächsten Schritt. Wenn etwas endet, sollen wir möglichst bald wissen, was daraus entsteht. Wenn uns etwas beschäftigt, möchten wir verstehen, warum. Wenn wir traurig sind, suchen wir nach dem Punkt, an dem die Trauer endlich wieder leichter wird.

Sogar persönliche Entwicklung wird häufig so erzählt.

Problem erkannt. Entscheidung getroffen. Veränderung geschafft.

Das wirkliche Leben ist meistens weniger sauber sortiert.

Manches braucht Zeit.

Manches muss sich setzen.

Manches muss betrauert werden.

Manches möchten wir gleichzeitig festhalten und loslassen.

Und manches wissen wir einfach noch nicht.

Vielleicht haben Menschen deshalb seit jeher Rituale für Übergänge geschaffen.

Für Geburt und Tod. Für Abschied und Neubeginn. Für das Erwachsenwerden, für Jahreszeiten, für Ernte und Aussaat.

Ein Ritual macht einen Abschied nicht ungeschehen. Es nimmt uns auch die Ungewissheit nicht ab.

Aber es sagt: Dieser Moment ist wichtig.

Wir laufen nicht einfach darüber hinweg.

Wir bleiben einen Augenblick hier.

Und vielleicht ist das genau das, wonach ich mich selbst gerade sehne.

Wenn ich in ein paar Tagen zurück nach Deutschland fahre, möchte ich nicht sofort wieder in den nächsten Alltag springen. Koffer auspacken, Mails beantworten, Termine sortieren und den Sommer innerlich abhaken.

Ich möchte erst einmal ankommen.

Ein bisschen einsammeln.

Schauen, was dieser Sommer mitgebracht hat und was davon bleiben darf.

Vielleicht auch wahrnehmen, was ich zurücklassen möchte.

Nicht in Form einer großen Jahresbilanz und auch nicht mit dem Anspruch, daraus sofort eine Erkenntnis zu produzieren.

Eher neugierig.

Was ist anders als vor ein paar Monaten?

Was habe ich vermisst?

Was habe ich nicht vermisst?

Wo war ich mehr bei mir?

Und was möchte ich vielleicht mitnehmen, obwohl es sich gar nicht in einen Koffer packen lässt?

Übergänge brauchen manchmal andere Menschen.

Genau darin liegt für mich auch etwas Besonderes an einer Gruppe, die über längere Zeit zusammenbleibt.

Wir begegnen uns nicht nur einmal in einem bestimmten Zustand. Wir erleben miteinander Übergänge.

Jemand sitzt im November vielleicht mit einer Frage da, die im März schon ganz anders klingt. Etwas, das im Winter festgefahren schien, kommt im Frühling langsam in Bewegung. Ein anderer Mensch merkt, dass die vermeintliche Lösung gar nicht mehr passt. Manchmal wachsen wir. Manchmal ziehen wir uns zurück. Manchmal sind wir mutig, und beim nächsten Treffen sind wir einfach nur müde.

Und nichts davon muss sofort fertig sein.

Vielleicht ist genau das der Wert eines längeren gemeinsamen Zeitraums.

Nicht nur einen besonderen Seminartag zu erleben, an dem etwas klar wird, sondern auch mitzubekommen, was danach im wirklichen Leben daraus wird.

Was trägt?

Was fällt wieder in sich zusammen?

Wo taucht ein altes Muster erneut auf?

Und was fühlt sich beim dritten Mal plötzlich ein kleines bisschen anders an?

Ich glaube, Entwicklung passiert oft genau dort.

Nicht im einen großen Moment, nach dem alles verändert ist, sondern in vielen kleinen Übergängen, die wir häufig erst im Rückblick erkennen.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich mich auf meine Jahresgruppe freue, die im November beginnt.

Nicht, weil wir dort ein Jahr lang an uns „arbeiten“ müssen.

Sondern weil wir uns Zeit nehmen.

Zeit wahrzunehmen, was gerade da ist. Zeit für Körper, Gespräch, Stille und Begegnung. Zeit, etwas auszuprobieren und später festzustellen, dass es doch nicht passt. Zeit für Fragen, die nicht beim ersten Treffen beantwortet werden müssen.

Und Zeit für das, was sich ohnehin nicht beschleunigen lässt.

Während ich das schreibe, sitze ich noch in Kroatien.

Noch ist Sommer.

Noch gehe ich morgens mit Baci am Meer entlang, noch sitzt mein Papa hier und noch liegen ein paar warme Tage vor uns.

Vielleicht ist genau das gerade meine kleine Aufgabe.

Nicht schon beim Abschied zu sein, bevor er da ist.

Nicht schon beim nächsten Sommer zu sein, von dem ich überhaupt nicht weiß, wie er aussehen wird.

Und auch nicht krampfhaft festhalten zu wollen, was ohnehin weiterzieht.

Sondern noch einmal wirklich hier zu sein.

Zu schauen.

Zu spüren.

Und einzusammeln, was da ist.

Bevor etwas Neues beginnt.

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Fazit: Mein persönlicher Blick

Übergänge müssen nicht sofort irgendwohin führen. Manchmal dürfen wir einfach eine Weile dazwischen sein, einsammeln, was war, und noch nicht wissen, was kommt.

Kennst du dieses Gefühl des Dazwischen auch? 

Wenn du magst, erzähl mir in den Kommentaren, wie du solche Übergänge erlebst.

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