Meine Heldenreise - oder Hin und wieder zurück
Ein Erfahrungsbericht von Helmut W. Pesch
Exkurs 1: Joseph Campbell
„Der Heros in tausend Gestalten“ von Joseph Campbell, 1949 erschienen, gehört in eine Reihe von Studien zur vergleichenden Mythologie, wie sie vor allem gegen Ende des neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben wurden.
Das bekannteste Beispiel ist „Der goldene Zweig“ von J. G. Frazer, worin aus Mythen verschiedener Völker das Motiv des Königs herausgefiltert wird, der im Herbst den rituellen Opfertod stirbt und im Frühling wiederaufersteht – eine mythologische Überhöhung des Prozesses von Aussaat und Ernte. Campbells „Monomythos“ ist eine allgemeinere Form dieses Schemas. Erzeigt eine Grundstruktur menschlicher Erfahrung auf. In seinen eigenen Worten:
„Der Held verlässt die Welt des gemeinen Tages und sucht einen Bereich übernatürlicher Wunder aus, besteht oft fabelartige Mächte und erringt einen entscheidenden Sieg, dann kehrt er mit der Kraft, seine Mitmenschen mit Segnungen zu erfüllen, von seiner geheimniserfüllten Fahrt zurück.“
Dieses Schema der Heldenreise mit seinen verschiedenen Rollen lässt sich in vielen Romanen finden, etwa bei J.R.R. Tolkien in „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Ich habe selbst Campbells Struktur als Muster in Seminaren für Autoren verwendet, in denen es um das Erzählen von Geschichten ging. Der Gedanke, dies am eigenen Leib zu erfahren, hatte einen gewissen Reiz.
Ein Intensivseminar, eine Woche lang...
Der Schritt nach vorne
Na ja, ein wenig von beidem auf jeden Fall. Tatsächlich sollte sich herausstellen, dass jeder von meinen sieben Reisegefährten sein Päckchen zu tragen hatte – und in gewisser Weise zu einer
Lösung kam oder zumindest zu einem persönlichen Schritt nach vorn.
Allerdings besagt die Vorgabe, auf die wir uns geeinigt haben, dass über die persönlichen Details wie auch den eigentlichen Prozess Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Darum ist es auch schwer, mein eigenes Erlebnis in Worte zu fassen. Aber ich greife vor.
Exkurs 2: Paul Rebillot
Er war schon ein ziemlich schräger Vogel, dieser Paul Rebillot. Geboren in Detroit, arbeitete er nach einem einschlägigen Studium als Stückeschreiber, Schauspieler und Intendant fürs Theater. Der Militärdienst in Japan brachte ihn mit dem Nō-Theater in Berührung, und er war fasziniert von dessen stilisierter und ritualisierter Form.
Nach seiner Rückkehr in die USA gründete er 1968 in San Francisco „The Gestalt Fool Theater Family“, eine Kommune und radikale Performance-Gruppe, und begann mit einer Kombination von Theater, Ritual und Therapie zu experimentieren. Dies waren die
wilden Sechzigerjahre, und man kann sich vorstellen, was dort abging. Es endete mit einer schweren Seelenkrise, aus der Rebillot sich mit Mühe wieder befreite.
In der Folge kam er an das Esalen Institute in Bug Sur, Kalifornien, wo er Erfahrungen mit gestalt- therapeutischen Methoden machte – und unter anderem Joseph Campbell kennenlernte. Danach sah er seinen Weg klar vor sich: eine Konzeption von Theater als Heilung zu entwickeln, eine moderne Form des Rituals, das ähnlich wie die Initiationsrituale „primitiver“ Völker Körper und Psyche einbezieht.
So begann die Heldenreise
Zurück in die Eifel, ein altes, verwinkeltes Fachwerkhaus – eine ehemalige Mühle – mit Holzbalken, schiefen Treppen und knarrenden Fußböden. Dazu ein großer, luftiger Raum, der an einen Meditationsraum erinnert. Mit Meditation bzw. Achtsamkeit hatten die meisten Teilnehmer, wie auch ich, schon Erfahrung. Es war die erste gemeinsame Grundlage und der Ausgangspunkt für das Theater, das sich in den nächsten sieben Tagen dort entfalten sollte.
die harte Vorschau
Sieben Tage in einer Gruppe, vegetarische Kost, kein Tropfen Alkohol, und ein intensives Programm von morgens früh bis spätabends. Das ist schon grenzwertig. Und das alles für ein therapeutisches
Theaterspiel?
Der Prozess - das Gruppenerlebnis
Dieser Prozess, der zugleich ein Gruppenerlebnis ist, erfordert auch eine ständige Führung und Begleitung durch geschulte Therapeuten, damit er zu einem Ergebnis führt. Was bei Christina Hoffmann und ihren beiden Assistenten Sylvia und Felix der Fall war – ein Glücksfall, wie die Teilnehmer übereinstimmend feststellten.
Fazit
Die Wirklichkeit verändert sich nicht, aber meine Wahrnehmung hat sich verändert. Und meine
Gefährten auf der Reise vermisse ich heute noch immer.