Ich funktioniere nur noch, aber was will ich eigentlich?
Es gibt Zeiten, da weißt du ziemlich genau, was zu tun ist.
Du stehst morgens auf, gehst zur Arbeit, kümmerst dich um das, was ansteht, beantwortest Nachrichten, organisierst Termine, denkst an Geburtstage, Einkäufe und daran, wer gerade was braucht. Vielleicht kümmerst du dich um Kinder, um Eltern, um Kolleg oder um Menschen, für die du Verantwortung übernommen hast.
Du weißt, was dringend ist. Was vernünftig wäre. Was von dir erwartet wird. Und meistens bekommst du es auch hin.
Eigentlich eine ziemlich große Fähigkeit.
Und trotzdem kann irgendwann eine Frage auftauchen, die viel schwieriger zu beantworten ist:
Ich weiß, was ich muss. Aber weiß ich eigentlich noch, was ich will?
Funktionieren ist nicht das Problem
Wenn Menschen sagen „Ich funktioniere nur noch“, klingt das Funktionieren selbst schnell wie etwas, das wegmuss.
Dabei hat es uns wahrscheinlich schon durch ziemlich viele Situationen getragen.
Wir können Verantwortung übernehmen, auch wenn wir gerade keine Lust haben. Wir können für andere da sein, verlässlich sein, Entscheidungen treffen und einen Alltag aufrechterhalten, wenn es schwierig wird.
Manche von uns haben außerdem sehr früh gelernt zu spüren, was gebraucht wird, sich anzupassen, nicht unnötig zur Last zu fallen, vernünftig zu sein und erst einmal das zu erledigen, was getan werden muss.
Das kann eine große Stärke sein.
Und es gibt Lebensphasen, in denen Funktionieren nicht nur eine Gewohnheit ist, sondern schlicht notwendig.
Manchmal muss das eigene Wollen warten
Ich kenne solche Zeiten auch aus meinem eigenen Leben.
Ich habe meine Mutter mehrere Jahre gepflegt. In dieser Zeit war ein großer Teil meines Lebens zwangsläufig fremdbestimmt. Vieles musste organisiert werden, manches konnte nicht warten, und natürlich richtete sich mein Alltag auch danach, was sie brauchte.
Ich würde heute nicht sagen: Ich hätte damals einfach mehr auf meine eigenen Bedürfnisse achten müssen.
Das würde der Situation überhaupt nicht gerecht.
Es gibt Zeiten, in denen wir Verantwortung übernehmen und das eigene Wollen tatsächlich weniger Raum bekommt. Weil jemand krank ist. Weil Kinder uns brauchen. Weil eine berufliche oder familiäre Situation gerade wenig Spielraum lässt. Oder weil wir uns ganz bewusst dafür entschieden haben, für einen anderen Menschen da zu sein.
Schwierig kann es werden, wenn irgendwann wieder mehr Raum da ist.
Denn freie Zeit bedeutet nicht automatisch, dass wir plötzlich wissen, womit wir sie füllen möchten.
Das habe ich nach der Pflege meiner Mutter selbst erlebt. Wenn das eigene Leben lange auch um die Bedürfnisse eines anderen Menschen herum organisiert war, ist das Eigene nicht unbedingt auf Knopfdruck wieder da.
Und vielleicht beginnt genau dort eine andere Art der Selbsterfahrung.
Nicht sofort mit der Antwort, sondern zunächst mit der Frage:
Was will ich eigentlich?
MUSS, SOLL und WILL
Vielleicht hilft es, diese drei Worte einmal auseinanderzuhalten.
- MUSS
Das sind die Dinge, die tatsächlich notwendig sind. Die Rechnung muss bezahlt werden. Der Hund muss raus. Ein krankes Kind braucht Versorgung. Manche Dinge können wir nicht einfach wegwünschen.
- SOLL
Das ist schon schwieriger zu erkennen.
Ich sollte mich öfter melden. Ich sollte das doch schaffen. Ich sollte dankbar sein. Ich sollte mich nicht so anstellen. Ich sollte für meine Eltern da sein. Ich sollte jetzt wirklich mal wieder Sport machen. Ich sollte nicht immer zuerst an mich denken.
Manches davon kommt tatsächlich von außen. Vieles haben wir längst so verinnerlicht, dass es sich gar nicht mehr wie ein SOLL anfühlt.
Es klingt wie ein MUSS.
- WILL
Und dann gibt es noch das Wollen.
Was möchte ich?
Nicht: Was wäre vernünftig?
Nicht: Was lässt sich problemlos in meinen Alltag integrieren?
Nicht: Was kann ich den anderen zumuten?
Und auch noch nicht: Wie soll das gehen?
Einfach nur: Was will ich?
Warum diese Frage manchmal so schwer ist
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie schwer Menschen diese Frage beantworten können.
Wenn ich frage „Und was willst du?“, kommt manchmal erst einmal gar nichts.
Oder etwas Bekanntes und Vertrautes.
Und sehr häufig kommen erstaunlich schnell die Gründe, warum etwas nicht geht.
Dafür habe ich keine Zeit. Das kann ich meiner Familie nicht zumuten. Dafür fehlt mir das Geld. In meinem Alter fange ich damit doch nicht mehr an. Das ist unrealistisch.
All diese Einwände können vollkommen berechtigt sein.
Nur waren wir gedanklich noch gar nicht an diesem Punkt.
Wir wollten erst einmal herausfinden, was da wäre, wenn es für einen Moment noch nicht darum ginge, ob es machbar ist.
Groß zu denken fällt erstaunlich schwer, wenn man sehr lange darin geübt war, realistisch, verantwortlich und vernünftig zu denken.
Ein Wunsch ist noch keine Entscheidung
Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis.
Zu wissen, was du willst, bedeutet nicht, dass du es tun musst.
Du kannst den Wunsch haben, drei Monate in Italien zu verbringen und trotzdem morgen zur Arbeit gehen.
Du kannst dir Ruhe wünschen und gleichzeitig die Menschen lieben, die dich brauchen.
Du kannst allein sein wollen und eine glückliche Beziehung führen.
Du kannst Möglichkeiten betrauern, für die du dich nicht entschieden hast, und dein heutiges Leben trotzdem mögen.
Und du darfst sogar etwas wollen, von dem du ziemlich genau weißt, dass es gerade nicht möglich ist.
Ein Wunsch ist noch keine Entscheidung.
Vielleicht müssen wir das Wollen manchmal erst wieder vom Machen trennen, damit wir es überhaupt wahrnehmen können.
Wenn das Nichtwissen plötzlich spürbar wird
Manchmal geschieht noch etwas anderes.
Wenn einem Menschen wirklich bewusst wird: Ich weiß gar nicht, was ich will, entsteht nicht unbedingt sofort Erleichterung.
In meiner Arbeit erlebe ich dann häufig große Betroffenheit.
Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um die Frage, wohin der nächste Urlaub gehen soll oder ob man einen anderen Job möchte.
Es kann spürbar werden, wie lange die eigenen Wünsche kaum eine Rolle gespielt haben. Wie selbstverständlich das Funktionieren geworden ist. Wie vertraut das Vernünftige und Machbare ist und wie fremd dagegen die Frage nach dem eigenen Wollen.
Ich finde, diesen Moment müssen wir nicht sofort auflösen.
Vielleicht braucht es nicht gleich die nächste Übung, die nächste Entscheidung oder einen Fünf-Schritte-Plan.
Manchmal darf die Erkenntnis erst einmal da sein.
Manchmal weiß der Körper früher Bescheid
Und manchmal gibt es noch keine Worte, aber eine Reaktion.
Ein Gedanke taucht auf und plötzlich wird der Atem tiefer. Jemand richtet sich auf, die Stimme verändert sich oder es kommt eine Lebendigkeit ins Gesicht, die vorher nicht da war.
Andersherum kann sich bei einem Gedanken auch etwas zusammenziehen.
Solche Körperreaktionen sind keine unfehlbare Wahrheit und sie nehmen uns keine Entscheidung ab. Aber sie können eine zusätzliche Information sein, gerade wenn der Kopf schon sehr schnell erklären kann, warum etwas vernünftig oder unvernünftig ist.
Deshalb interessiert mich in meiner Arbeit nicht nur: „Was denkst du darüber?“
Sondern auch:
Was passiert gerade in dir, während du davon erzählst?
Eine kleine MUSS-SOLL-WILL-Bilanz
Wenn du neugierig geworden bist, kannst du etwas ausprobieren.
Nimm ein Blatt Papier und teile es in drei Spalten:
MUSS | SOLL | WILL
Dann such dir nur einen Bereich deines Lebens aus. Arbeit, Familie, Beziehung, Freizeit oder vielleicht die Frage, wie du deine Zeit verbringst.
Was musst du tatsächlich?
Was glaubst du, tun zu sollen?
Und was möchtest du?
Für die letzte Spalte gibt es eine kleine Regel: Prüfe noch nicht, ob das realistisch, vernünftig oder machbar ist.
Vielleicht steht dort sofort etwas.
Vielleicht nur etwas ganz Kleines.
Vielleicht etwas vollkommen Verrücktes.
Und vielleicht bleibt diese Spalte erst einmal leer.
Auch das ist interessant.
- Lieber mit Stift und Papier?
Ich habe dir die MUSS-SOLL-WILL-Bestandsaufnahme als kleines Arbeitsblatt zusammengestellt. Du kannst sie kostenlos herunterladen und in Ruhe für dich ausfüllen.
Du musst nicht sofort wissen, was du willst
Vielleicht stellst du dir die Frage „Was will ich eigentlich?“ und hast keine Antwort.
Dann muss die nächste Aufgabe nicht darin bestehen, möglichst schnell eine zu finden.
Denn sonst wird aus dem Wollen ganz unbemerkt das nächste Sollen:
Ich sollte doch endlich wissen, was ich will.
Vielleicht geht es zunächst um etwas anderes.
Zu bemerken, dass zwischen all dem, was du musst, was du solltest und was von dir erwartet wird, eine Frage lange wenig Platz hatte.
Was will ich?
Vielleicht weißt du es gerade nicht.
Auch das darf für einen Moment eine Antwort sein.
Und was braucht bei dir gerade Raum?
Vielleicht ist bei der kleinen MUSS-SOLL-WILL-Bilanz schon etwas aufgetaucht. Vielleicht auch noch nicht.
Wenn du ein bisschen genauer hinschauen möchtest, kannst du meinen kostenlosen Selbstcheck machen. Sechs Alltagssituationen geben dir eine erste Spur, was in deinem Leben gerade möglicherweise zu kurz kommt.
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