Paul Rebillot und die Heldenreise – wie aus einem Mythos eine Erfahrung wurde
Wer nach der Heldenreise sucht, stößt fast zwangsläufig irgendwann auf Joseph Campbell. Auf seine Beschreibung des immer wiederkehrenden Weges, den Heldinnen und Helden in Mythen und Geschichten durchlaufen.
Doch das Selbsterfahrungsseminar Heldenreise, wie wir es heute kennen, geht auf einen anderen Mann zurück: Paul Rebillot.
Rebillot nahm Campbells mythologische Gedanken nicht einfach und machte daraus ein Seminar mit zwölf Stationen. Er verband sie mit Gestaltarbeit, Körperwahrnehmung, Theater, Bewegung, kreativem Ausdruck, Musik, Ritual und Gruppenprozessen. So entstand eine Form der Selbsterfahrung, bei der die Heldenreise nicht nur verstanden, sondern mit dem eigenen Erleben verbunden wird.
Vielleicht liegt genau darin bis heute ihre besondere Kraft.
Wer war Paul Rebillot?
Eugene Paul Rebillot wurde 1931 in Detroit geboren. Er studierte zunächst Philosophie und Erziehungswissenschaften und anschließend Communication Arts mit Schwerpunkt Drama. Theater war also lange vor Gestaltarbeit und Selbsterfahrung seine Welt. Er arbeitete als Schauspieler, Autor, Produzent und Regisseur.
Eine wichtige Erfahrung machte er während seines Militärdienstes in Japan. Dort begegnete er dem japanischen Nō- und Kabuki-Theater und begann sich intensiv mit rituellen Gesten und der Wirkung von Körperhaltungen auseinanderzusetzen. Diese Erfahrungen sollten später in seine Arbeit einfließen.
Nach seiner Rückkehr arbeitete Rebillot weiter im Theater, entwickelte experimentelle Theaterformen und unterrichtete unter anderem an der Stanford University. Ende der 1960er-Jahre gründete er die Gestalt Fool Theatre Family, eine experimentelle Theatergemeinschaft in San Francisco.
Doch irgendwann reichte ihm das Theater allein nicht mehr.
Rebillot geriet in eine persönliche Existenzkrise. Er zog sich zeitweise zurück und beschäftigte sich intensiv mit Meditation und veränderten Bewusstseinszuständen. Diese Zeit veränderte auch seinen Blick auf Theater: Er begann darin nicht mehr nur Kunst oder Unterhaltung zu sehen, sondern eine Möglichkeit, innere Erfahrungen sichtbar und körperlich erfahrbar zu machen.
Esalen, Gestalt und Joseph Campbell
Sein Weg führte ihn 1971 an das Esalen Institute in Big Sur, Kalifornien. Esalen war damals einer der zentralen Orte der Human-Potential-Bewegung. Rebillot lernte dort unter anderem bei Dick Price Gestaltarbeit kennen und begegnete Menschen wie Stanislav Grof, John Lilly und dem Mythenforscher Joseph Campbell.
Campbells Werk Der Heros in tausend Gestalten wurde für Rebillot zu einer wichtigen Inspirationsquelle.
Campbell hatte untersucht, dass sich in Mythen sehr unterschiedlicher Kulturen ähnliche Grundmuster wiederfinden: Ein Mensch verlässt das Vertraute, begegnet Prüfungen und Helferfiguren, muss sich mit Widerständen auseinandersetzen und kehrt verändert zurück.
Rebillot stellte eine andere Frage:
Was geschieht, wenn wir diesen Weg nicht nur lesen oder verstehen, sondern selbst durchlaufen?
Damit beginnt der entscheidende Unterschied zwischen Campbells Heldenreise und der Heldenreise nach Paul Rebillot.
Campbell beschrieb ein mythologisches Muster. Rebillot entwickelte daraus einen erfahrungsorientierten Prozess.
Wie entstand die Heldenreise nach Paul Rebillot?
Anfang der 1970er-Jahre arbeitete Rebillot auch mit Mitarbeitenden psychiatrischer Kliniken. Ihn beschäftigte die Frage, wie Menschen selbst erleben könnten, was ein tiefgreifender innerer Übergang bedeuten kann.
Dann lud ihn ein ehemaliger Theaterstudent zu einem Wochenende mit Psychologiestudierenden am Lone Mountain College in San Francisco ein. Rebillot ging zunächst davon aus, dort Gestaltarbeit anzubieten. Der ehemalige Student bat ihn jedoch um etwas „Archetypischeres“, ähnlich den Übungen aus Rebillots Theaterarbeit.
Nach Rebillots eigener Erinnerung entstand daraus 1972 die erste Heldenreise mit einer Gruppe von Studierenden.
Und hier steckt bereits etwas, das ich für das Verständnis seiner Arbeit sehr wichtig finde.
Rebillot wollte nicht, dass eine Person vorne „arbeitet“, während alle anderen zuschauen. Das erinnerte ihn zu sehr an das Starsystem des Theaters. Er kam aus der Ensemblearbeit: Jede Person gehört zum Ganzen, jede Person ist beteiligt.
Also entwickelte er eine Struktur, in der möglichst alle Teilnehmer:innen gleichzeitig ihren eigenen Prozess durchlaufen und sich dabei gegenseitig unterstützen.
Genau dieses Prinzip findet sich bis heute in der Heldenreise.
Nicht nur verstehen, sondern erfahren
Paul Rebillot unterschied deutlich zwischen einem analytischen und einem erfahrungsorientierten Zugang.
Der analytische Blick fragt häufig:
Warum bin ich so geworden? Woher kommt mein Verhalten?
Rebillot interessierte zusätzlich eine andere Frage:
Wie mache ich das gerade? Wie entsteht mein innerer Konflikt im gegenwärtigen Moment?
Für ihn ging es darum, die eigene innere Geschichte nicht nur gedanklich zu erklären, sondern wahrzunehmen, wie sie sich im Körper, in Gefühlen, Bildern, Bewegungen und Handlungen zeigt.
Das erklärt auch, warum eine Heldenreise nach Paul Rebillot so körperlich und kreativ ist.
Wir reden nicht sieben Tage lang über Veränderung.
Wir bewegen uns. Wir arbeiten mit Bildern und Gestalten. Wir geben inneren Anteilen Ausdruck. Wir begegnen Widersprüchen nicht nur im Kopf, sondern im eigenen Erleben.
Körper, Herz und Kopf
Rebillot beschrieb den Menschen als ein Wesen mit drei miteinander verbundenen Ebenen: Körper, Herz und Kopf.
Der Körper steht für Wahrnehmung und Handlung. Der Kopf kann erinnern, vorausdenken, einordnen und Ideen entwickeln. Das Herz verbindet nach seinem Verständnis Wahrnehmung und Gedanken mit Gefühl.
Und genau zwischen diesen Ebenen entstehen für ihn Bilder, Geschichten und Mythen.
Das finde ich bis heute bemerkenswert aktuell.
Denn wir können etwas längst verstanden haben und trotzdem immer wieder dasselbe tun.
Wir können wissen, dass wir eine Grenze setzen müssten. Wissen, dass wir eine Entscheidung treffen wollen. Wissen, dass eine bestimmte Situation uns nicht guttut.
Und trotzdem bewegt sich nichts.
Rebillots Arbeit setzt deshalb nicht allein beim Verstehen an. Sie versucht, Denken, Fühlen und körperliches Erleben wieder miteinander in Kontakt zu bringen.
Warum spielen Kunst, Bewegung und Ritual eine so große Rolle?
Paul Rebillot kam immer wieder auf einen Gedanken zurück: Kunst ist nicht Dekoration seiner Arbeit.
Sie ist ein Teil der Arbeit.
In seinem Text Psychotherapy and the Soul beschreibt er Kunst, Tanz und Musik als eine Sprache, über die innere Erfahrungen Ausdruck finden können. Als er begann, seine eigenen erfahrungsorientierten Prozesse zu entwickeln, war es für ihn deshalb selbstverständlich, mit Malen, Gestalten, Schauspiel, Tanz und Gesang zu arbeiten.
Auch das Ritual hatte für ihn eine besondere Bedeutung.
Rebillot beobachtete, dass moderne Gesellschaften nur noch wenige bewusst gestaltete Übergänge kennen. Dabei erleben Menschen weiterhin Abschiede, Neubeginne, Krisen, Veränderungen von Beziehungen, Lebensphasen oder Identität.
Wir gehen durch diese Übergänge ohnehin.
Ein Ritual kann einen solchen Übergang sichtbar machen.
Nicht als Zauberhandlung und nicht als etwas, das uns die Entscheidung abnimmt. Sondern als Möglichkeit, einen inneren Prozess bewusst zu erleben und ihm eine Form zu geben. Rebillot verstand seine Prozesse deshalb als moderne Übergangsriten, die Bewusstheit und Selbstverantwortung fördern sollten.
Die Heldenreise war erst der Anfang
Aus der Heldenreise entwickelte Paul Rebillot später weitere Erfahrungsprozesse.
Dazu gehören unter anderem Family Circles, The Lover’s Journey, Owning the Shadow und Death and Resurrection. Für ihn gehörten diese Arbeiten zusammen. Sie beschäftigten sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Beziehungen, frühen Prägungen, Schattenseiten, Übergängen und Entwicklung.
Ab 1974 brachte Rebillot seine Arbeit regelmäßig nach Europa. 1988 gründete er in der Schweiz die School of Gestalt and Experiential Teaching. In den 1990er-Jahren entstanden weitere Ausbildungsprogramme, darunter auch in Deutschland.
1993 erschien sein Buch The Call to Adventure: Bringing the Hero’s Journey to Daily Life.
Paul Rebillot starb 2010 in San Francisco. Seine Arbeit wird bis heute in verschiedenen europäischen Schulen und von ausgebildeten Seminarleiter:innen weitergeführt.
Was unterscheidet die Heldenreise nach Rebillot von der Heldenreise im Storytelling?
Heute begegnet uns der Begriff „Heldenreise“ fast überall.
Im Storytelling. Im Marketing. Im Coaching. In Filmen und Romanen. Und auch dort bezieht man sich häufig auf Joseph Campbell.
Das ist nicht falsch. Aber es ist etwas anderes.
Die Heldenreise nach Paul Rebillot ist kein Modell, mit dem du deine Lebensgeschichte in zwölf Kästchen einordnest. Sie ist ein mehrtägiger Selbsterfahrungsprozess.
Dabei wird der Mythos zu einer Art Landkarte. Die eigentliche Reise entsteht aber aus dem, was ein Mensch selbst mitbringt: aus einer Sehnsucht, einem Konflikt, dem Wunsch nach Veränderung und gleichzeitig vielleicht dem Teil, der genau diese Veränderung verhindern möchte.
Wer mehr über den konkreten Aufbau erfahren möchte, findet ihn in meinem Beitrag „Die Stufen der Heldenreise“.
Warum mich Rebillots Ansatz bis heute überzeugt
Als ich selbst meine erste Heldenreise gemacht habe, kam ich aus einer sehr anstrengenden Zeit. Ich hatte danach nicht das Gefühl, plötzlich ein völlig neuer Mensch zu sein. Eher das Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, mich selbst wiedergefunden zu haben. Etwas in mir war wieder tiefer verankert, fester. Und ich hatte mehr Vertrauen in mich und in meinen eigenen Weg.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich diese Arbeit bis heute so überzeugt. Ich erlebe immer wieder, dass die Heldenreise lange nachwirkt. Nicht unbedingt spektakulär und nicht immer so, dass anschließend das ganze Leben auf den Kopf gestellt wird. Manchmal geschieht tatsächlich sehr viel. Häufiger sehe ich aber etwas Leiseres: mehr Lebenszufriedenheit, mehr Klarheit und Menschen, die sich in den Monaten danach in ganz unterschiedlichen Bereichen ein bisschen mehr trauen.
Dabei ist mir heute etwas wichtig, das zu Paul Rebillots Zeit noch längst nicht so im Blick war wie heute: unser Wissen über Trauma und darüber, wie unterschiedlich Nervensysteme auf intensive Erfahrungen reagieren. Für mich bedeutet das auch Verantwortung in der Seminarleitung. Nicht pushen, nicht antreiben, nicht glauben, ein Prozess müsse möglichst groß oder dramatisch sein. Die Heldenreise trägt aus meiner Erfahrung sehr gut aus sich selbst heraus. Meine Aufgabe ist eher, einen sicheren Rahmen zu halten und aufmerksam dafür zu bleiben, was für einen Menschen gerade möglich und stimmig ist.
Deshalb verspreche ich auch nicht, dass nach sieben Tagen alles anders sein wird. Eine Heldenreise nimmt uns das Leben nicht ab, und sie löst nicht jedes Problem. Aber sie kann etwas in Bewegung bringen, das viel länger trägt als nur die Woche selbst: eine andere Verbindung zu sich, mehr Vertrauen in die eigenen Entscheidungen und manchmal auch den Mut, Dinge tatsächlich anders zu machen.
Und je länger ich mit diesem Prozess arbeite, desto größer wird eigentlich mein Respekt davor, was Paul Rebillot da geschaffen hat. Die Verbindung von Mythos, Gestalt, Körper, Theater, Ritual, kreativem Ausdruck und Gruppenprozess ist für mich bis heute ein außergewöhnliches Konstrukt. Manchmal denke ich wirklich: Was für ein Geiststreich. Was für eine Hochleistung, all diese Elemente so zusammenzubringen, dass daraus ein Prozess entstanden ist, der mehr als fünfzig Jahre später immer noch Menschen erreicht.
Manches versteht man erst, wenn man es erlebt.
Bei meiner eigenen Heldenreise habe ich mich nicht neu erfunden. Ich habe eher etwas wiedergefunden, das schon da war: mehr Boden unter den Füßen und mehr Vertrauen in mich selbst. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diesen Prozess bis heute so gerne weitergebe.


